Stellungnahme der Fachschaft Lehramt bezüglich der Studie von Herrn Dr. Bellhäuser in der Vorlesung Entwicklung, Lernen und Soziales Verhalten

Problematik:

Im Sommersemester 2017 wurde in der Vorlesung: Entwicklung, Lernen und soziales Verhalten, geleitet von Frau Prof. Dr. Imhof, eine Studie zum Thema Lernverhalten durchgeführt.  Die Vorlesung fand in diesem Semester ausschließlich online statt, da Frau Prof. Dr. Imhof zwischenzeitlich nicht vor Ort war. Zum Zweck der Studie wurde die Gesamtzahl der Vorlesungsteilnehmer*innen in vier Gruppen aufgeteilt:

  1. Eine Gruppe hat jede Woche eine E-Mail bekommen, mit Hinweisen, was sie in dieser Woche lernen können.
  2. Eine Gruppe hat die Möglichkeit erhalten, (freiwillig) an einem Workshop über Selbstorganisation in Bezug auf Lernverhalten teilzunehmen.
  3. Eine Gruppe hat sowohl Mails als auch die Möglichkeit des Workshops erhalten.
  4. Eine Kontrollgruppe hat weder Mails noch die Möglichkeit auf den Workshop erhalten.

Zunächst ist dabei zu beachten, dass der Inhalt der Erinnerungsmails keine neuen Informationen beinhaltete, also zum Stoff der online zugängigen Vorlesung Ergänzendes war: Frau Prof. Dr. Imhof hat bereits zu Beginn des Semesters einen Plan in Ilias hochgeladen, in dem dieselben Informationen standen, d.h. wöchentliche Lernempfehlungen.

Es wurde im Verlauf der Studie ausgewertet, welche Arbeitszeit die Studierenden der verschiedenen Versuchsgruppen auf Ilias verbrachten und mit welchen Inhalten. Dazu wurden die Daten, welche den Dozierenden über Ilias zugängig sind, von Frau Prof. Dr. Imhof an Herrn Bellhäuser weitergegeben. Dies geschah randomisiert als Block der einzelnen Gruppen, d.h. als ein Durchschnittswert von ca. 150-200 Studierenden. Informationen über Einzelpersonen wurden nicht ausgewertet oder weitergegeben.

Aus diesem Sachverhalt ergeben sich zwei getrennte Probleme:

  1. Es kann zu einer Datenschutzfrage kommen: Die Studierenden waren automatisch an der Studie beteiligt und mussten, bzw. konnten nicht vorher zustimmen. Es wurde zwar offen gelegt, dass die Studie stattfindet, jedoch wurde nicht explizit darauf hingewiesen, ob oder wie man die Teilnahme verweigern, d.h. verhindern kann, dass der persönliche Datensatz mit ausgewertet wird.
  2. Es kann zu ungleichen Prüfungsvoraussetzungen der einzelnen Prüflingen kommen, was eine direkte Vergleichbarkeit der Prüflinge unmöglich macht und somit die Prüfung als solche in Frage stellt: Da die verschiedenen Gruppen verschiedene Informationen erhalten haben, wurden sie ungleich behandelt. Sollte diese ungleiche Behandlung einen signifikanten Einfluss auf die Endnote gehabt haben, so wurden an nicht vergleichbare Prüflinge die gleichen Anforderungen gestellt, was nicht rechtens ist.

Stellungnahme der Fachschaft Lehramt:

  1. Datenschutz

In Übereinstimmung mit dem Datenschutzbeauftragen der Universität, Herr Bertram, ist unserer Meinung nach hier keine unlegitimierte Weitergabe und Verarbeitung persönlicher Daten geschehen. Herr Bertram wurde auch bereits vor der Studie zu Rate gezogen, ob das Vorgehen rechtens sei. Das Ergebnis lautet: So lange die Daten anonymisiert sind und ein Rückschluss auf konkrete Personen unmöglich ist, ist das Vorgehen erlaubt. Notwendig ist jedoch, dass die Teilnehmenden darüber in Kenntnis gesetzt werden. Es bedarf keiner expliziten Zustimmung jeder Einzelperson.

Im vorliegenden Fall wurden unseres Wissens nach beide Anforderungen eingehalten.

Weiterhin wurde von Herr Bertram erwähnt, dass es auf Nachfrage wohl möglich sei, dass die eigenen Daten nicht in die Studie aufgenommen werden. Jedoch begibt man sich erst dadurch aus der Anonymität, denn der Vergleich der beiden Datensätze vor und nach dem Löschen einer Einzelperson lässt eindeutige Schlüsse auf die Lernzeiten der Einzelperson zu.

Neben der rechtlichen Lage, bei der wir uns auf Herr Bertrams Expertise verlassen, sehen wir keinen ethischen Grund, dass hier Persönlichkeitsrechte verletzt worden sind: Es lässt sich in keiner Weise ein Rückschluss auf Einzelpersonen ziehen. Es sind nicht einmal Datensätze von Einzelpersonen vorhanden, sondern nur Durchschnittswerte, was selbst den Versuch, gewisse Datensätze mit Personen zu korrelieren unmöglich macht, den es gibt schlicht nicht solche Datensätze. Insofern sehen wir keinen Grund, die Studie aufgrund von Datenschutzfragen zu kritisieren.

  1. Wir gehen nicht davon aus, dass durch die Mails und die Möglichkeit auf einen Workshop eine signifikante Ungleichheit zwischen den Studierenden erzeugt worden ist:
    1. Mails: Die Erinnerungsmails mögen die Adressaten dazu veranlasst haben, häufiger in Ilias zu schauen. Jedoch sehen wir hierin keine unfaire Behandlung der anderen Studierenden, da es zum Studieren gehört, dass man sich selber organisiert und sich für Prüfungen vorbereitet und wir glauben, dass man als Student*in auch in der Lage dazu sein sollte. Nicht zuletzt ist dies eine Kompetenz, die man gerade im Studium lernen sollte und auch muss, um das Studium abschließen zu können. Da keinerlei (weder inhaltliche noch organisatorische) neue Informationen bereitgestellt worden sind, sehen wir jeden einzelnen Prüfling in der eigenen Verantwortung für die Note. Jede*r Teilnehmer*in hatte dieselbe Möglichkeit, eine sehr gute Note zu schreiben. Es ist unserer Meinung nach nicht zu rechtfertigen, das Ergebnis einer Prüfungsleistung mit dem Erhalt einer Erinnerungsmail zu rechtfertigen.

Der Meinung, dass Studierende mit Folgen für die Prüfung ungleich behandelt worden sind, können wir uns nicht anschließen. Die Verantwortung für eine schlechtere Note an das Nichterhalten einer Erinnerungsmail zu verknüpfen, minimiert die Eigenverantwortung der Studierenden und lässt die Studieneignung anzweifeln.

Unserer Meinung nach liegt die Verantwortung für die Noten in diesem Fall bei den Prüflingen und nicht bei der Zugehörigkeit zu einer der Testgruppen. Daraus folgt, dass die Studierenden vergleichbare Ausgangsbedingungen hatten, was eine vergleichbare Prüfung(sbewertung) legitimiert.

  1. Workshop: Der Workshop bringt zwar die Möglichkeit, seine Fähigkeiten in der Arbeitsorganisation zu verbessern, trägt jedoch inhaltlich nicht zur Prüfung bei. Da vergleichbare Workshops an unserer Universität vielfach angeboten werden (und das mit sehr geringer Beteiligung), sehen wir nicht, dass die Gruppen b) und c) dadurch einen unfairen Vorteil erhalten haben. Es wurde keine exklusive und schon gar keine prüfungsrelevante Fortbildung oder Hilfestellung gegeben. Da die Studierenden auch in andere Kontext die Möglichkeit dazu haben, entsprechende Workshops kostenfrei (s.o.) zu besuchen, so ist dies im vorliegenden Kontext wieder nur eine Art Erinnerung (wenn auch möglicherweise überraschender als die Mails). Darum reicht dieses Angebot unserer Meinung nach nicht dazu aus, die Verantwortung der Prüflinge für ihre Note zu mindern. Dieselben Argumente wie in a) gelten auch hier.
  2. Kurz und knapp: Wir glauben, dass Studierende in der Lage sind, und sein sollten, sich eigenständig auf ihre Prüfungen vorzubereiten, insofern sie dieselben relevanten Materialien und Ressourcen zur Verfügung haben. Dies angenommen, können wir keiner Argumentation folgen, die das Negieren dieser Kompetenz als Grundlage benötigt. Wir glauben aber, dass das Anzweifeln der Rechtmäßigkeit der Prüfung genau diese Negierung voraussetzt. Folglich zweifeln wir nicht an der Rechtmäßigkeit der Prüfung: Die Verantwortlichkeit für die Note in der besagten Prüfung lässt sich in keiner Weise auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Testgruppe schieben.

 

Die Faktenlage wurde nach bestem Wissen und Gewissen beschrieben, nach persönlichen Gesprächen mit Studierenden und Frau Prof. Dr. Imhof. Diese Informationen dienten als Grundlage unserer Beurteilung der Situation. Wenn sich darunter gravierende Falschinformationen befinden sollten, muss die Beurteilung selbstverständlich als zu überarbeiten und möglicherweise zu revidieren angesehen werden.

Gez. Jonathan Leisch, Fachschaftsrat Lehramt